Thomas de Waal: Aserbaidschan hat in erster Linie Russland herausgefordert

“Der Westen könnte zu spät aufwachen, wenn in Karabach ein neuer Konflikt ausbricht, und ich sage voraus, dass es dazu kommen wird,” erklärte Thomas de Waal, leitender Forscher der Carnegie-Stiftung und Experte für den Karabach-Konflikt, während einer Diskussion am 25. April.

Seiner Einschätzung nach dämpft die Anwesenheit der russischen Friedenstruppen die Krise, aber das Jahr 2025 werde ein Wendepunkt sein, und man wisse nicht, wie das Kräfteverhältnis dann aussehen werde.  "Der Westen ist ein Akteur in Fragen, die die armenisch-aserbaidschanische Grenze und wirtschaftliche Fragen betreffen, aber in der Karabach-Frage hat der Westen so gut wie kein Druckmittel. Die ganze Aufmerksamkeit des Westens und Russlands ist auf die Ukraine gerichtet. Für den Westen geht es jetzt vor allem um das Überleben der Ukraine", so der Experte weiter.

Er stellte mit Bedauern fest, dass nur wenig Menschen der Situation um Bergkarabach Aufmerksamkeit schenken. Ihm zufolge funktioniert auch das europäische Verhandlungsformat seit sechs Monaten nicht mehr.

Thomas de Waal erklärte, dass sich die Situation in den letzten Monaten verschlechtert habe. Er bezeichnete die Einrichtung des Kontrollpunkts als weiteren Schritt in Richtung eines neuen Konflikts.

"Aserbaidschan hat in erster Linie Russland herausgefordert. Wir wissen, dass Russland der wichtigste internationale Akteur in der Region ist. Moskau ist der einzige Akteur vor Ort, der praktisch etwas tun kann. Das größte Rätsel ist für mich in diesem Fall die Untätigkeit Russlands. Warum ist Russland in dieser Situation so untätig? Solche Schritte führen dazu, dass die russische Friedensmission an Bedeutung verliert. Wozu eine solche Mission, wenn es keine freie Kommunikation zwischen Armenien und Karabach gibt? Für mich ist das die wichtigste Frage, auf die ich keine Antwort habe", betonte der Experte.

Er erklärte Ilham Aliyevs Eile in der Karabach-Frage mit den bevorstehenden Wahlen in der Türkei.

Thomas de Waal schloss nicht aus, dass der amtierende türkische Präsident Erdogan die Wahl verlieren könnte, was eine neue Phase in den aserbaidschanisch-türkischen Beziehungen einleiten würde.

"Vielleicht ist die Türkei dann nicht mehr so ein eindeutiger Verbündeter Aserbaidschans. Ankara könnte seine eigene Agenda im Südkaukasus verfolgen, und die Türkei könnte beginnen, Aserbaidschan nicht mehr als gleichberechtigten Partner, sondern als kleineren Bruder zu betrachten", schloss er.

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